Gerald Ganglbauer: Korrespondenzen auf Papier

Briefe aus der Zeit vor dem Internet

 

Gerald Ganglbauer: Korrespondenzen auf Papier. Gangan Verlag, Stattegg 2018, 168 Seiten, durchgehend in Farbe, ca. 150 Abbildungen, gebunden, 21,5 x 15 cm, ISBN 978-3-900530-45-7, € 19,90

COVER-Korrespondenzen-U1In meiner Jugend musste man sich noch in eine Telefonzelle begeben, wenn der Nachbar stundenlang das Vierteltelefon besetzt hielt. Man musste auch noch Briefe auf dem Medium Papier verfassen und vom Postdienst zustellen lassen, weil das Internet in den Haushalten völlig unbekannt, ja sogar unvorstellbar war. In jener Zeit legte man noch Wert auf gewählte Sprache, korrekte Rechtschreibung und Gestaltung seiner Korrespondenz, die man mit schönen Briefmarken frankierte. Damals bastelte man mit Hand gefertigte Kuverts aus bunten Magazinen, die eine mittlerweile privatisierte Post heute – weil nicht maschinenlesbar – nur mehr gegen Aufzahlung annehmen würde. Ob Normierung nun besser oder schlechter ist, sei dahingestellt. Ich habe jedenfalls Briefe immer aufgehoben und dokumentiere hier eine Auswahl. Eine Überschwemmung hat leider den Großteil zerstört, sonst wäre dieses Buch dreimal so prall geworden. Mit Tinte geschriebene Briefe und Postkarten waren ins Unleserliche zerflossen und mussten nach sorgfältiger Prüfung entsorgt werden. Es freut mich, dass noch etwa 200 Briefe zu retten waren, die hier – wenngleich auch mit „Salzblüten“ – ein neues Leben erfahren.

Die Themen gab das Leben vor: Kennenlernen, Reisen, Arbeit und Liebe, oft Antworten auf unsichtbare Fragen. Leider war es bei privater Korrespondenz nicht üblich, für sich selbst eine Kopie seines Schreibens aufzubewahren, weshalb sich alle Briefe an „Lieber Gerald“ oder „Dear Gerald“ richten. Es erfordert ein wenig Fantasie, sich meinen Teil am Briefwechsel vorzustellen. Die Briefe heute wieder zu sichten hat mich an Wegkreuzungen erinnert, die – anders begangen – mein Leben um 180º verändert haben könnten. Frau, Kind und fester Wohnsitz zum Beispiel. Das sind zwar interessante Hypothesen, aber es ist nun einmal, wie es ist. Da stehe ich voll hinter Edith Piaf.

Non, rien de rien, non, je ne regrette rien
Ni le bien qu’on m’a fait, ni le mal
Tout ça m’est bien égal

Ich sollte noch erwähnen, dass Parallelen zu Abschnitten der „Geografie der Liebe“ (meinem dritten Buch) nicht zufällig sind. Dort finden sich Begegnungen aus meiner Perspektive, hier haben die Frauen das uneingeschränkte Wort. Alle Briefe sind authentisch und unabhängig davon gewählt, wie ich im Einzelfall wegkomme. Erst die Summe macht den ganzen Mann.

Textauszug

Kleine Zeitung, 23.02.2018
Kronenzeitung, 21.02.2018

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