Peter Giacomuzzi: mannfrau

Prosa. Gangan Verlag, Sydney 1999 und Stattegg 2019, 96 Seiten, 21 x 14,8 cm, ISBN 978-3-900530-28-0 (Paperback) € 14,90 und ISBN 978-3-900530-29-7 (ePUB) € 3,99

Unverblümter kann Prosa nicht sein.

Zeichnung von Brett Whiteley

Die kürzeste Geschichte der Menschheit geht vielleicht so: Mann und Frau können nicht zusammenkommen und wenn sie es dennoch tun, entsteht daraus ein Murks.

Peter Giacomuzzi beschreibt in seiner plakativen Prosa den Versuch, aus Mann und Frau eine Legierung „mannfrau“ zu schmieden. Zuerst treten die Gender-Helden einzeln auf, dann als gemeinsame Katastrophe.

Im ersten Kapitel Mann ist der Held schon am Ende mit sich und seiner Ehe. Nach endlosen Nächten im Hamsterrad des Trinkens schleicht er sich jeweils heim zu seiner Frau, die wie totes Fleisch im Bett liegt und nichts mehr erwartet. Bei Tageslicht kann er arbeiten, weil er nichts denken muss, eine Sekretärin weiß um ihre Aufgabe, ihn dienstlich erregt und sich selbst aufregend kühl zu halten. Dem Helden schwinden manchmal die erotischen Sinne und die einzelnen Organe machen sich selbständig. Die Lippen der Sekretärin wandern unter den Schreibtisch und machen eine dienstliche Befriedigung. Anders ist diese Welt nicht zu ertragen. Und nach der Bar gehen jeweils zwei betrunkene Geschlechter ihrer Vereinigung entgegen, die sie nie erreichen können. Und dann ist die Frau wirklich tot, wie der Hausarzt feststellt, für den Mann macht das keinen Unterschied, nur dass er jetzt die Kinder am Hals hat.

Im Kapitel von der Frau wird wie in einem psychologischen Protokoll von den Ritualen berichtet, mit denen die Tochter von damals früh auf ihre Rolle als Frau in einem Käfig vorbereitet wird. Der Vater spielt den Strengen, der die Welt durch Schweigen erklärt, der Großvater lässt manchmal ein Stück Herz aus und stirbt, die Mutter arbeitet still, wie es die Welt später auch von ihren Töchtern will. Es wird ihr beigebracht, immer andere zu lieben, nie sich selbst. Und dann zeigt ihr das Leben in allen Varianten, wie es bergab gehen kann. Falsche Männer, Abtreibung, Kinder, Trott, alles geht den Bach hinunter, der Tod ist die einzige Sicherheit.

In „mannfrau“ schließlich zeigt die Gesellschaft, was sie von diesen Vereinigungsmodellen hält. Nach einem ehelichen Geschlechtsverkehr wird gestritten, wer das größere Arschloch sei, die Flausen der Nacht bekommt am nächsten Tag das Büro zu spüren, Frauen werden zu Fickfleisch, Männer landen beim Herumspringen im Herzinfarkt, in routinierten Geschlechterrollen umtanzen einander Mann und Frau wie Raubtiere, die von der jeweiligen Gefährlichkeit des anderen wissen. Der Text wird zunehmend zu einer Pfanne, in der die Schmachtenden schmoren, während sie ständig von unsichtbarer Hand umgerührt werden. Letztlich treffen sich Mann und Frau wie Nachrichten auf einem Bildschirm, sie haben nichts miteinander zu tun aber offensichtlich das gleiche Sendeformat.

Peter Giacomuzzi erzählt in kleinen Partikeln und aus einem Guss gleichzeitig. Die einzelnen Sätze lassen sich kaum als solche wahrnehmen, es sind Muren von Erkenntnis, die auf den Leser abgehen. Beängstigend wahr und nur insofern beruhigend, als es offensichtlich eine Sprache gibt, um diese Unglückswucht zu beschreiben. – Elementare Hangrutsche zwischen Mann und Frau!

Helmuth Schönauer

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Magdalena Sadlon: Entweder Olga

Prosa. Gangan Verlag, Wien und Sydney 1993, 96 Seiten, Foto: Cornelia Mittendorfer, Cover: Gerald Ganglbauer, Illustrationen der Autorin, 21.5 x 15 cm, ISBN 3-900530-21-1 (Hardcover) € 14,90

Magdalena Sadlon | Amazon

Entweder-OlgaLiteraturgeflüster, 9. Juli 2013

Jetzt kommt wieder ein Kunststück nämlich die Besprechung eines experimentellen Textes, sehr sorgsam konstruiert, in verschiedenen Sprachformen aufgebaut, aber wenig Plot und Inhalt, schöne Sätze, wenig Handlung und wahrscheinlich kein Realismus, den ich ja sehr brauche, also flüchte ich mich wieder in allgemeine Literaturbetrachtung, erzähle was ich über die Autorin und die Geschichte des Buches weiß und das letztere ist sehr interessant und vermag auch ein wenig Einblick in den Literaturbetrieb und das Leseverhalten zu geben.

Also um nicht ebenfalls unverständlich zu werden. Ich bespreche Magdalena Sadlons, 1993 bei gangan erschienene Prosa “Entweder Olga”.

Ein Buch das ich vor mehr als einem Jahr im “Wortschatz” am Margaretenplatz gefunden habe. Ein neues, ungelesenes Buch. Und wenn ich mich nicht irre, standen ein paar Exemplare im Kasten und dann immer wieder, wer sich also dafür interessiert, hingehen, vielleicht ist es noch zu finden.
Ich interessiere mich natürlich dafür, wer die unverkaufte Auflage hineinstellt? Der Herausgeber Gerald Ganglbauer, der Ex Mann Petra Ganglbauers wird es nicht sein, lebt er, glaube ich ja in Australien und ist seit seiner Parkinson Diagnose Botschafter für Parkinson-Selbsthilfegruppen.
Vielleicht die Autorin selbst, die 1956 in der Slowakei geboren wurde und 1968 mit ihrer Familie nach Österreich kam und die, wie ich in der GAV-Mitgliederliste gesehen habe, im vierten Bezirk lebt und sich einer Restauflage entledigen will? Ich kenne den Namen von der GAV und wahrscheinlich auch von der Zeit als ich noch um Stipendien angesucht habe, hat Magdalena Sadlon, wie im Buch steht, einige bekommen. Persönlich kenne ich sie, glaube ich, nicht.
2006 ist aber bei Zsolnay ein Buch von ihr erschienen und das wurde, glaube ich, in “Ex Libris” besprochen.
Dann kam noch 2007 der Adalbert von Chamisso-Preis, also eine sehr beachtliche literarische Karriere, die viele GAV-Mitglieder nicht schaffen.
Seit 1984 lebt die Schauspielerin und Übersetzerin in Wien und Zwettl, steht auf dem Buch.
1988 sind bei gangan “Man sucht ein Leben lang – 41 Anagramme” erschienen, dazu gibts Besprechungen von Barbara Alms, Brigitte Mayr und Wendelin Schmidt-Dengler der “sie ist eine Meisterin, in dem, was man die “Alchemie des Wortes” genannt hat”, schreibt.
Das Buch ist unter hundert Seiten lang und besteht aus verschiedenen Sprachformen. Ein großer Teil sind dreizehn Abschnitte, die von einer “sie” erzählen, ob das die Olga ist?
Handlung ist wie geschrieben, keine zu erkennen, aber schöne Sätze, Anmerkungen, Fußnoten, Paragraphen. Eine Meisterin der Sprache, wie Andrea Winkler vielleicht, oder etwas experimenteller und weniger Mainstream, mehr wie Ilse Kilic könnte man meinen, gibt es ja immer wieder Zeichnungen und auch Überschriften. So steht im Abschnitt I auf einmal “Leben? Sinn? und ähnliche Fragen” großgedruckt in der Mitte der Seite.
“Haus des Zufalls Zuhauf warum ums Herz” im zweiten.
Es wird aber Groß und Klein geschrieben, was interessant ist, weil das in der neueren experimentellen Literatur nicht so ist.
Dann gibts immer wieder eingeschobene Geschichten. “Gespräche mit einem Hund” beispielsweise.

“na wer kommt denn da, na wer ist denn da? na was, ablutschen und liegen lassen, du Elender!”

Ein Kapitel ist mit “ich” überschrieben.

“ich habe dich nicht kommen gehört
ich habe dich nicht hören gesehen
ich habe dich nicht sehen
ich habe dich nicht wollen”

Auf Seite achtunddreißig gibts eine Zeichnung. Da wird der Weg von der Faulmanngasse zur Josefinengasse und retour, mit Prater, Riesenrad, Stephansplatz und U-Bahnstationen ganz genau gezeichnet.
Zwei Kapitel sind der “Kindheit” gewidmet. In “Kindheit” trifft man auf bekanntes.
“Sitz gerade! Antworte wenn du gefragt wirst! Gib deine Hände auf den Tisch!” u.s.w. u.s.f.
“In Gewissen” trifft man auf die Handschrift, etwas was mich an den Rudi erinnert. Ein Kassenzettel aus dem “Gasthaus Spatzennest” findet man später auch. “Keine bezahlte Anzeige” steht darunter.
Bei Abschnitt XII steht dann immer wieder “Bilder diesselben und immer Worte. Worte diesselben und immer Bilder.”
In der Mitte ist ein Quadrat herausgeschnitten, das auf der gegenüberliegenden Seite zu finden ist.
“Fortissimo” steht darunter.
Auf den Seiten 82 und 82 gibts ein “Hörstück”
Dann folgen einige Gedichte. Die schon erwähnte Rechnung über 108 Schilling, was ein Wurzelfleisch und ein Seidl betrifft, was mir für 1992 sehr teuer erscheint.
Dann kommt das, was den Namen des Buches erklären könnte.
“entweder Olga, Aug um Augusta, alles oder Nina, Geld oder Lena, an da Wanda, mein Undine”, schön angeordnet, was auch am Cover anzutreffen ist.
Danach wird für das Zustandekommen gedankt. Die mir bekannten Namen sind dabei Reinhold Aumaier auch ein experimenteller Autor, den ich schon gelesen habe, Ilse Kilic, Christian Steinbacher und ein bißchen weniger experimentell, dem St. Pöltner Autor Günther Stingl, sowie ihrer Mutter und ihrem Vater.

“Weiters danke ich der Jury des Anerkennungspreises des Landes Niederösterreichs 1990, der Jury des Förderungspreises der Stadt Wien 1990, der Jury des Theodor Körner Preises 1992 und der Jury des österreichischen Staatsstipendiums für Literatur 1993. M.S.”

Man sieht Magdalena Sadlon ist eine anerkannte Autorin, die den meisten Österreicherin wahrscheinlich trotzdem unbekannt ist, wenn man sie lesen und mehr von ihr erfahren will, ist der “Wortschatz” am Margaretenplatz, wie schon erwähnt, sehr zu empfehlen. Vielleicht gibts noch mal das Buch darin zu finden. Und wieder bin ich ein bißchen ratlos zurückgeblieben. Weil mir die schönen Worte und die Sprachspielereien nicht ganz reichen. Damit werden aber Preise und Stipendien gewonnen, sowie Bücher gedruckt, die vielleicht unverkäuflich sind.
Eva Jancak

Julian Schutting in „Die Presse“

Birgit Schwaner in der „Wiener Zeitung“