Literaturkritik

Ein Online-Pionier verabschiedet sich in Papierform.
Von Renate Giacomuzzi

Warum ein Känguru Österreich mit Australien verbindet bzw. warum Klischees keinen wahren Kern haben

Best of Gangan 1984/1994/2004. Lit-Mag #32. Hrsg. von Gerald und Petra Ganglbauer. Stattegg: Gangan Verlag 2018.

Die Zukunft [der Literatur]. Lit-Mag #50. Hrsg. von Max Höfler (Guest Editor). Stattegg: Gangan Verlag 2019.

Gangway Kulturmagazin. Die Stattegger Jahre 2013–2020. Hrsg. von Gerald Ganglbauer. Stattegg: Gangan 2021.

Zugegeben – der Känguru-Titel ist ziemlicher Nonsens und außerdem so klischeehaft, dass es wohl einer gewissen Überredungskunst bedarf, um zum Weiterlesen zu motivieren. Ich versuche also mein Bestes. Das beste Argument, das mir einfällt, ist: Sie werden überrascht sein! Warum die Überraschung garantiert ist, hat ganz einfach damit zu tun, dass es sich hier um ein literarisches Onlineprojekt handelt, welches es mit der Kunst stets sehr ernst gemeint hat, und selbige – frei nach Luhmann – überraschen muss, weil wir sie sonst gar nicht als Kunst erkennen. Die Rede ist hier von einem der ältesten digitalen Literaturmagazine, das 1996 mit dem Titel Gangway[1] von dem damals in Sydney lebenden Österreicher Horst Gerald Ganglbauer gestartet wurde und nun – dies ist die leider traurige Nachricht – eingestellt wurde. Mit der letzten Nummer, Lit-Mag #50 (2019), kehrt das Onlinemagazin zum Ursprungsmedium seiner Gattung zurück und erscheint als Paperback. Der Abschied wurde allerdings bereits 2018 mit der ebenfalls in Printform publizierten Ausgabe Lit-Mag #32 angekündigt, einer Neuauflage der 2004 online erschienenen Jubiläumsausgabe zum zwanzigjährigen Bestehen des Literaturverlags Gangan.[2]

Kunst und Leben, einst Credo der klassischen Avantgardebewegung, verbinden sich mit diesen beiden Ausgaben, denn die jeweiligen Erscheinungsjahre markieren den zeitlichen Rahmen der Parkinsonerkrankung, die seit 2004 das Leben von Gerald Ganglbauer prägt[3] und die es ihm mittlerweile nicht mehr erlaubt, seine bisherige Tätigkeit als Verleger und Herausgeber fortzuführen: „Mit einer 176-seitigen Jubiläumsnummer verabschiede ich mich von dir, geschätzter Leser, denn auch meine Party, mein Honeymoon mit Parkinson, ist vorbei.“[4] 2021 erscheint dann schließlich noch eine Printausgabe, diesmal sehr bunt illustriert mit Fotos und Auszügen aus dem Kulturmagazin Gangway, wie sich das Onlinemagazin nach dem Umzug 2012 von Australien nach Österreich nannte – 2016 erfolgte dann die Ausgliederung der Primärliteratur in Gangan Lit-Mag, während das Kulturmagazin in der Art eines Feuilletons geführt wurde und neben Kulturberichten auch Musikrezensionen anbot. Auch in dieser nun zum Abschluss erschienenen Printausgabe mit „120 Artikel[n] aus den Stattegger Jahren“ geht es nicht nur um Kultur, sondern auch um Ganglbauers Engagement für die Parkinsongesellschaft und sein Leben mit der Krankheit, die sich „langsam aber unaufhaltsam […] in mein Leben geschlichen hat und es bestimmt“ (Editorial). Aber es geht sehr wohl auch um das kulturelle Angebot in Graz, das – vor allem mit dem Steirischen Herbst – den Interessen des umtriebigen Kulturvermittlers sehr entgegenkommt, denn diese richteten sich von Beginn an, also schon mit der Gründung des Gangan-Verlags in Graz 1984, auf sprachexperimentelle und neo-avantgardistische Literatur.

Die anfangs in den gemeinsam mit Petra Ganglbauer herausgegebenen gangan-Jahrbüchern publizierte Primärliteratur beschränkte sich zunächst auf den österreichischen Raum. Eine Auswahl daraus findet sich in der wiederaufgelegten Jubiläumsnummer Lit-Mag #32 mit einem „Best of Avantgarde“ aus zehn Jahren Verlagstätigkeit. Von Marc Adrian über Friederike Mayröcker bis hin zu Peter Waterhouse findet sich hier eine beeindruckende Liste von bekannten Namen, darunter auch (zumindest für mich) Überraschendes, nämlich der 2008 verstorbene Künstler und Filmemacher Marc Adrian, Begründer der „theorie des methodischen inventionismus[5]. Adrian, der gemeinsam mit Peter Kubelka zur österreichischen Filmavantgarde zählt, publizierte beim Gangan-Verlag zwei literarische Werke, nämlich Die Wunschpumpe. Eine Wiener Montage (1991) und die maschinentexte (1996), eine Sammlung von Texten, die zwischen 1966 und 1992 mit Techniken entworfen wurden, wie sie in der Stuttgarter und der Wiener Gruppe verwendet wurden. Neben Cut-up, Montage, Permutationen finden sich auch computergenerierte Texte, die an die „Stochastischen Texte“ von Theo Lutz erinnern, der im Jahre 1959 im Kreis um Max Bense mit einem Zuse-Computer die ersten Versuche mit Maschinenpoesie unternommen hat.

Was damals ganz neu war, ist aus der Sicht von aktuellen literarischen Projekten wie Textstelle vermutlich alt, doch Avantgarde ist letztlich der ewige Glaube an das Neue und das Versprechen von Zukunft schlechthin. Der Titel der allerletzten Ausgabe von Gerald Ganglbauer’s Literary Magazin Nummer 50 lautet also konsequent: The Future [Of Literature]. Diese von Max Höfler als „Gastherausgeber“ zusammengestellte Jubiläumsausgabe ist die internationale Variante des in Lit-Mag #32 vorgestellten Konzepts, denn nun ist Grenzüberschreitung das Stichwort, das ‚alles zusammenhält‘, sei es räumlicher, medialer oder ästhetischer Art. In dieser Textsammlung mischen sich Sprachen (z. B. Ann Cotten und Ilse Kilic), Bild+Text (z .B. S. J. Fowler und Iris Colomb), Print und Internet (z. B. Mara Genschel und Stefanie Sargnagel), Mensch und Maschine (z. B. Jörg Piringer und Robert McClean) und Autor*innen unterschiedlichster Herkunft, aber ähnlichen Alters (‚mittlere Generation‘). Manche Grenzüberschreitungen scheinen tatsächlich noch das bewirken zu können, was sie intendieren, nämlich Ärger, auch wenn dieser vielleicht manchmal anders ausfällt als erwartet. Ob Thomas Antonic mit seiner Satire „Kinga Kong, setzen!“ die ungarische Künstlerin Kinga Tóth frauenfeindlich missbraucht hat, wie es im Wikipedia-Artikel über Antonic heißt, oder nicht[6], mag jeder selbst entscheiden – dem Band schadet es nicht, denn das Missverständnis ist und bleibt das Salz der Literatur. Die Aufmachung dieser Ausgabe ist popig bunt und das Layout, wie bei allen Gangan-Publikationen, liebevoll bis ins Detail ausgearbeitet. Dazu gibt es außerdem noch einen Videostream auf Facebook, wo der Herausgeber Max Höfler den Band in einem einstündigen Beitrag vorstellt.

Möchte man das Besondere festhalten, das dieses Online-Magazin charakterisiert, das immerhin eines der ersten im deutschsprachigen Raum war, so könnte man auf eine Formulierung zurückgreifen, die sich als Schlusssatz im Editorial zur Jubiläumsausgabe Lit-Mag #32 findet: „Auch wenn sie im Netz publiziert wurde, ist das gedruckte Buch doch ihre ursprüngliche Form.“[7] Die Gangway-Magazine gingen tatsächlich aus einem Periodikum im Buchformat hervor, den Gangan-Jahrbüchern (Graz, Gangan-Verlag 1981-1989). Der Name zeigt aber deutlich, dass man von Anfang an weder die Literatur und Kultur noch die Trägermedien als etwas Statisches sah, sondern als einen sich stetig erneuernden Prozess: das althochdeutsche Verb „gangan“ (= „bewegen, entwickeln, verändern“) dient als Motto für die Jahrbücher und tatsächlich hat sich aus dem traditionellen Jahrbuchkonzept ein Online-Projekt entwickelt, das dem ursprünglichen Konzept der Printzeitschrift, aus dem es hervorgegangen ist, immer treu geblieben ist, gleichzeitig aber stets die sich laufend erneuernden Angebotsmöglichkeiten des neuen Mediums Internet nutzte und damit Design, Struktur und auch Name wie Domain des Webauftritts mehrmals erneuerte. Die ursprüngliche Fassung des 1996 in Sydney gestarteten Online-Magazins Gangway war eine doppelsprachige, dicht bis an den Rand mit Text gefüllte und dementsprechend unübersichtliche Website – nachzusehen in Webarchiven z. B. bei DILIMAG. Die von Anfang an stets penibel durchgeführte Einteilung der unterschiedlichen Textsorten in Rubriken (Primärliteratur, Buchbesprechungen, Interviews etc.) blieb aber stets bestehen und mündete in die zeitgemäß entschlackte und graphisch auf das Wesentliche reduzierte aktuelle Eingangsseite.

Was das Magazin und den Verlag aber im Kontext der österreichischen Literatur- und Kulturvermittlung zu etwas Besonderem macht, ist der Fokus auf ursprünglich zweisprachige Autor*innen aus Österreich und Australien, der dann ab 2004 noch einmal wesentlich erweitert wird auf Autor*innen, die im Ausland oder Exil leben[8] und auch thematisch auf den Schwerpunkt Multikulturalität gerichtet ist. So finden hier Texte und Namen Eingang, die in herkömmlichen Sammlungen österreichischer Literatur der Gegenwart keine Beachtung finden, da sie eben nicht immer in deutscher Sprache erscheinen, auch wenn der Autor/die Autorin deutschsprachiger Herkunft sind. Ein Beispiel dafür ist der aus Salzburg stammende Schriftsteller Rudi Krausmann (1933-2019), der den Großteil seines Lebens in Sydney verbrachte und von dem im Gangan-Verlag Gedichtbände und auch von ihm herausgegebene Anthologien australischer Literatur erschienen sind. Der – zumindest im deutschsprachigen Kulturraum – weit häufigere Blick auf das Fremde im Eigenen (deutschsprachige Literatur nicht-deutscher Herkunft) wird hier umgedreht und folgt dem literarischen Weg von Österreicher*innen in eine andere Kultur und Sprache.

„Beginnen, Bewegen, Verändern. Gerald Ganglbauers Reise“ – so lautete der Titel einer Einführung zum 30. Jubiläum des Gangan-Verlags, die der österreichische Germanist Gerhard Fuchs 2015 im Grazer Literaturhaus hielt. Gerald Ganglbauer selbst lässt seine eigene Reise im „Kopfbahnhof“ enden. Untertitel: „Leben mit Young Onset Parkinson“ (Gangan-Verlag 2020).

Renate Giacomuzzi, 21.06.2021


[1] Aktuelle Domains (Stand: 14.06.2021): Eingangsportal für alle Gangan-Projekte: http://www.gangan.com/Lit-Mag. Internationales Literaturmagazin 1996-2019: https://www.gangan.at/; Gangway. Kulturmagazin1996-2020: https://www.gangway.at/; Gangan Book Reviews: https://reviews.gangan.at/; Gangway Musik Reviews: https://music.gangway.at; Gangan Verlag: https://verlag.gangan.at/

[2] Verlagsorte: 1984-1986 Graz, 1986-1989 Wien, 1989-2013 Sydney, seit 2014 Stattegg.

[3] Vgl. Lit-Mag #32, S. 131.

[4] „Über die letzte Nummer“. In: Gangan Lit-Mag (Zugriff: 09.06.2021).

[5] Siehe dazu den Artikel von Hermann Hendrich: „Zu den literarischen Arbeiten von Marc Adrian“. In: Lit-Mag #49, 27. September 2017.

[6] Kinga Tóth ist selbst in Heft #50 mit einem Beitrag vertreten: xyz, Print S. 158-160 und online.

[7] Lit-Mag #32, S. 131. 

[8] Vgl. Editorial/Vorwort (Archivfassung).
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Peter Giacomuzzi: mannfrau

Prosa. Gangan Verlag, Sydney 1999 und Stattegg 2019, 96 Seiten, 21 x 14,8 cm, ISBN 978-3-900530-28-0 (Paperback) € 14,90 und ISBN 978-3-900530-29-7 (ePUB) € 3,99

Unverblümter kann Prosa nicht sein.

Zeichnung von Brett Whiteley

Die kürzeste Geschichte der Menschheit geht vielleicht so: Mann und Frau können nicht zusammenkommen und wenn sie es dennoch tun, entsteht daraus ein Murks.

Peter Giacomuzzi beschreibt in seiner plakativen Prosa den Versuch, aus Mann und Frau eine Legierung „mannfrau“ zu schmieden. Zuerst treten die Gender-Helden einzeln auf, dann als gemeinsame Katastrophe.

Im ersten Kapitel Mann ist der Held schon am Ende mit sich und seiner Ehe. Nach endlosen Nächten im Hamsterrad des Trinkens schleicht er sich jeweils heim zu seiner Frau, die wie totes Fleisch im Bett liegt und nichts mehr erwartet. Bei Tageslicht kann er arbeiten, weil er nichts denken muss, eine Sekretärin weiß um ihre Aufgabe, ihn dienstlich erregt und sich selbst aufregend kühl zu halten. Dem Helden schwinden manchmal die erotischen Sinne und die einzelnen Organe machen sich selbständig. Die Lippen der Sekretärin wandern unter den Schreibtisch und machen eine dienstliche Befriedigung. Anders ist diese Welt nicht zu ertragen. Und nach der Bar gehen jeweils zwei betrunkene Geschlechter ihrer Vereinigung entgegen, die sie nie erreichen können. Und dann ist die Frau wirklich tot, wie der Hausarzt feststellt, für den Mann macht das keinen Unterschied, nur dass er jetzt die Kinder am Hals hat.

Im Kapitel von der Frau wird wie in einem psychologischen Protokoll von den Ritualen berichtet, mit denen die Tochter von damals früh auf ihre Rolle als Frau in einem Käfig vorbereitet wird. Der Vater spielt den Strengen, der die Welt durch Schweigen erklärt, der Großvater lässt manchmal ein Stück Herz aus und stirbt, die Mutter arbeitet still, wie es die Welt später auch von ihren Töchtern will. Es wird ihr beigebracht, immer andere zu lieben, nie sich selbst. Und dann zeigt ihr das Leben in allen Varianten, wie es bergab gehen kann. Falsche Männer, Abtreibung, Kinder, Trott, alles geht den Bach hinunter, der Tod ist die einzige Sicherheit.

In „mannfrau“ schließlich zeigt die Gesellschaft, was sie von diesen Vereinigungsmodellen hält. Nach einem ehelichen Geschlechtsverkehr wird gestritten, wer das größere Arschloch sei, die Flausen der Nacht bekommt am nächsten Tag das Büro zu spüren, Frauen werden zu Fickfleisch, Männer landen beim Herumspringen im Herzinfarkt, in routinierten Geschlechterrollen umtanzen einander Mann und Frau wie Raubtiere, die von der jeweiligen Gefährlichkeit des anderen wissen. Der Text wird zunehmend zu einer Pfanne, in der die Schmachtenden schmoren, während sie ständig von unsichtbarer Hand umgerührt werden. Letztlich treffen sich Mann und Frau wie Nachrichten auf einem Bildschirm, sie haben nichts miteinander zu tun aber offensichtlich das gleiche Sendeformat.

Peter Giacomuzzi erzählt in kleinen Partikeln und aus einem Guss gleichzeitig. Die einzelnen Sätze lassen sich kaum als solche wahrnehmen, es sind Muren von Erkenntnis, die auf den Leser abgehen. Beängstigend wahr und nur insofern beruhigend, als es offensichtlich eine Sprache gibt, um diese Unglückswucht zu beschreiben. – Elementare Hangrutsche zwischen Mann und Frau!

Helmuth Schönauer

Das Original der Zeichnung am Umschlag wurde von Brett Whiteley 1975 in ein Buch skizziert

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